Auch wenn in diesem besonderen Jahr das eigentliche Krippeleschaug’n ausfallen muss, ist es für uns trotzdem kein Grund, darauf zu verzichten! Deshalb “schaug’n” wir einfach online…

In der Region Hall-Wattens – genauer gesagt in Tulfes, Hall und Thaur – gibt es alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit einen ganz besonderen Schatz zu bestaunen: Die drei ältesten Krippen des Landes, ja und wahrscheinlich sogar Mitteleuropas befinden sich in der Pfarrkirche von Tulfes (1608), der Jesuitenkirche in Hall (1609) und dem Maxnhof in Thaur (1. Hälfte 17. Jh.). Normalerweise können diese Krippen auch beim Krippeleschaug’n bewundert werden.

Die drei ältesten Krippen Mitteleuropas

Die Entstehung dieser Krippen reicht also zurück in die Barockzeit und in die Zeit der Gegenreformation. Umso weniger erstaunlich ist es, dass die Jesuitenkirchen bzw. -klöster in Hall und Innsbruck die ersten waren, die im Besitz einer solchen waren.

Von der Tiroler Krippe bis zur orientalischen Krippe

Diese Krippen wurden im Tiroler Stil geschaffen, erst mit den ersten Pilgerreisen entstanden Krippen im orientalischen Stil. Der Thaurer Einsiedler Felix Zimmerling war einer der ersten, dessen Reise ihn im Jahre 1852 ins Gelobte Land führen sollte.

Auch waren die ersten Krippen Kloster- oder Kirchenkrippen. In adeligen oder großbürgerlichen Haushalten gab es in seltenen Fällen private Krippen. Die älteste noch erhaltene, private Krippe ist jene am Maxnhof in Thaur, der ganze Stolz der Familie Huetz.

Die Tradition des Krippeleschaug’ns

Seit Jahrzehnten wird das Krippeleschaug´n in Tirol gepflegt und führt interessierte BesucherInnen von Nah und Fern üblicherweise zwischen dem Stefanitag (26.12.) bis Mariä Lichtmess (2.02.) in private Haushalte. Stolze KrippenbesitzerInnen gewähren Einlass in ihre guten Stuben und erzählen, wie ihre Krippen in den Haushalt gelangt sind. Dabei erfährt man viel Wissenswertes über Entstehungszeit, Bauart, Hintergrund, Berg und Figuren, deren Schnitzer und Bedeutung. Bei selbstgebackenen Keksen oder Stollen und einem gemeinsamen Gloria wird angestoßen und auf aller Wohl getrunken. So will es der Brauch!

Da es in dieser Weihnachtszeit keine Krippenausstellungen und Umgänge in den privaten Wohnhäusern geben wird, möchten wir mit diesem Blog einen kleinen Eindruck der Schätze vermitteln, die es trotz Covid-19 an den Sonn- und Feiertagen in den jeweiligen Kirchen zu entdecken gibt. Einzelne Persönlichkeiten aus den Dörfern Tulfes, Thaur und Absam erzählen uns in einem Video über ihre jeweiligen Krippen:

Restaurator Willi Ghetta erzählt über die Tulfer Dorfkirche

Josef Bachlechner der Ältere

Ist von Krippen und Tiroler Brauchtum und Tradition die Rede, so darf ein ganz besonderer Mann und Künstler nicht vergessen werden: Josef Bachlechner der Ältere (1871-1923). Der in Bruneck geborene Südtiroler Bildhauer unterhielt in Hall eine große Werkstätte (ehem. Dietl), nach ihm ist heute noch die Bachlechnerstraße benannt. Der vor allem in neugotischem Stil schaffende Künstler hat die Krippe in Tirol mehr oder weniger in jeden Haushalt gebracht.

Eine kleine Anekdote über Bachlechner

Als tiefgläubiger Mensch soll er jeden Arbeitsgang mit „In Gottes Namen“ begangen haben. Seine zukünftige Frau wollte Bachlechner prüfen und erzählte ihr während eines weihnachtlichen Spaziergangs durch Tulfes, dass er hier im Ort ein fünfjähriges Büblein hätte, das keine Mutter mehr hätte. Die junge Frau zögerte angeblich nur kurz und meinte, gemeinsam würde man das Kind schon schaukeln. Woraufhin Bachlechner seine Braut zum Hochaltar der Pfarrkirche geführt haben soll, wo das fünf Jahre zuvor geschnitzte Jesukind zu sehen war. Natürlich waren die beiden glücklich bis ans Ende ihrer Tage!

Tipp: Das Jesukind in der Pfarrkirche Tulfes ist seit 24.12. zu bewundern.

Besondere Krippen in Hall

Spaziert man von der Krippgasse westwärts Richtung Bachlechnerstraße, kommt man am Wohnhaus der Familie Bachlechner vorbei, an dem noch heute ein bemerkenswertes, neugotisches Kruzifix zu bestaunen ist.

Krippeleschaug’n: Pfarrkirche St. Nikolaus

Betritt man die Pfarrkirche St. Nikolaus über den Haupteingang im Westen, kann man weitere Arbeiten des Bildschnitzers beim Krippeleschaug’n bewundern: Am Katharinenaltar im nördlichen Seitenschiff ist eine Krippe des Künstlers zu sehen, die 2017 von Michael Schretthauser restauriert wurde: Das in eine Windel gehüllte, in der Krippe liegende Christuskind wird von zwei Engeln beschützt, die vor allem durch kunstvolle, Pfauenfedern nachempfundenen Flügel bestechen. Ganz im Sinne der Neugotik sind Haare, Locken und Gewandfalten zackig ausgeführt.

Die beiden Engel in der Kapelle zu Ehren Unserer Lieben Frau (Waldaufkapelle) am Ende des nördlichen Seitenschiffes, die den Schutzmantel der Madonna halten, wurden der um 1480 aus der Pacherschule stammenden Marienfigur von Josef Bachlechner hinzugefügt, also über 400 Jahre später (!). Das Gesamtkunstwerk besticht durch ganz besondere Harmonie und Liebreiz.

Tipp: Auch in der Haller Franziskanerkirche am Stadtgraben erwartet den Liebhaber des Krippeleschaug’n ein Bachlechner´sches Werk: Gleich rechts nach dem Haupteingang ist eine liebliche, großflächige Darstellung der Geburt Christi als Wandmalerei zu finden!

Bretterkrippe von Andreas Crepaz

Ebenfalls sehenswert ist die Bretterkrippe von Andreas Crepaz (1923) am Hochaltar der Pfarrkirche von Hall. Bretterkrippen entstanden vor allem in Zeiten der Not, des Hungers, vielfach aus Mangel an finanziellen Mitteln. Die Krippe des ladinischen Künstlers wird jedes Jahr am Hochaltar der Pfarrkirche aufgestellt und besteht aus 11 Teilen. Neben der Hl. Familie, Ochs und Esel, vier Hirten und drei Schafen sind außerdem fünf Engel dargestellt. Die insgesamt 17 Figuren sind auf Holzbrettern gemalt und noch immer in sehr gutem Zustand. 

Ein wertvoller Tipp für BastlerInnen: Die Krippe ist noch immer als Ausschneidebogen erhältlich! Vor allem für jene, die wenig Platz haben, eine Möglichkeit, nicht nur Krippeleschaug’n zu gehen, sondern sich auch eine historische Krippe ins Haus zu holen.

Gotische Schnitzkunst

In der Magdalenenkapelle südöstlich der Pfarrkirche, der ehemaligen Friedhofskapelle von Hall, ist ein weiteres Kleinod der Krippenkunst zu bewundern: In der Prädella des Flügelaltars (2. Hälfte 15. Jh.) ist gotische Schnitzkunst vom Feinsten zu entdecken. Nach Beendigung der Fastenzeit, zu der eigentlich auch die Adventzeit gehört, in der die Flügel des Altars traditionell verschlossen bleiben, ist der Blick auf die Heilige Familie nun wieder frei. Außerdem treten Ochs und Esel im Halbrelief aus dem Hintergrund hervor. Weiter gibt eine männliche Figur rechts hinten bis heute Rätsel auf. Handelt es sich hierbei um die Figur des Altarstifters? Flankiert wird die Geburt Christi durch die Hll. Barbara und Agnes, zu erkennen an ihren klassischen Attributen, dem Turm für die Hl. Barbara, und dem Lamm für die Hl. Agnes.

Krippeleschaug’n: Jesuitenkirche

Die wohl wertvollste Haller Krippe, weil zweitälteste Barockkrippe Tirols (1609), ist von FR bis SO jeweils von 11 bis 18 Uhr in der Jesuitenkirche am Stiftsplatz zu sehen. Sie befindet sich in der linken Seitenkapelle (2. Hälfte 17. Jh.), welche dem Hl. Franz Xaver geweiht ist. Die Krippe wird alle Jahre wieder von der Haller Sakramentsgarde, den „Partisanern“, aufgestellt. Die dem Pestheiligen geweihte Kapelle wurde in ihren Maßen sogar nach der Krippe konzipiert, welche auf eine Stiftung durch die Marianische Kongregation der Herren und Bürger zurückzuführen ist.

Holzkopf statt Wachskopf

Die Heilige Familie stellt die älteste Figurengruppe dar und datiert in die Ursprungszeit der Stiftung. Besonders ist der Umstand, dass das Jesukind und die Köpfe von Maria und Josef aus Wachs geschaffen wurden. Der Kopf des Hl. Josef ging allerdings 1890 zu Bruch und wurde durch einen hölzernen ersetzt. Die Krippe besteht aus insgesamt 17 bekleideten Figuren und dem Jesukind. Aufwändig sind vor allem die barocken Gewänder der drei Engel. Selten ist auch die Darstellung von Ministranten, die sich um einen Hohepriester scharen. Der Umstand, dass die Dienerschaft kleinfigurig gehalten ist, hat weniger mit der Aufstellung bzw. Platzierung der Figuren innerhalb der Szenerie zu tun als vielmehr mit ihrer geringer eingeschätzten Bedeutung zu tun. Umso prächtiger und größer sind die Figuren der Heiligen Drei Könige ausgefallen!

Der Haller Kunstmaler und Restaurator Franz Xaver Fuchs gestaltete 1938 den Hintergrund der Krippe und passte ihn der Gewölbesituation der Kapelle an. Weiter war er selbst treues Mitglied der Marianischen Kongregation.

Fein, dass ihr im ersten Teil dabei wart. Im zweiten Teil von unserem virtuellen Krippeleschaug’n entführen wir euch in die beiden Dörfer Thaur und Absam.

Team

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Das Team des Tourismusverbandes ist für euch immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus der Ferienregion Hall-Wattens.