Die Kultur in Hall ist weiblich

Interview mit Hannah Crepaz, Leiterin der Galerie St. Barbara

Ich hatte das Vergnügen, eine der bekanntesten und für mich auch bemerkenswertesten Frauen aus der Tiroler Kulturszene kennenzulernen. Hannah Crepaz ist Intendantin des Osterfestival Tirol und leitet seit über einem Jahrzehnt die Geschicke der Kulturinstitution Galerie St. Barbara in Hall in Tirol.

Hannah, du bist mit der Kulturarbeit deiner Eltern großgeworden. Wie hat dich das geprägt?

Sie lacht. „Ich bin als Kind in die Kultur hineingewachsen. 1968 hat eine Gruppe junger Menschen in Hall die Galerie St. Barbara gegründet und meine Eltern, Maria und Gerhard Crepaz, dazu eingeladen, das musikalische Programm zu gestalten. Kunst und Musik waren mein zweites Zuhause. Außerdem durfte ich meine Eltern auf ihren Reisen begleiten.“ Das Motto meines Vaters lautete: „Ein verlorener Tag in der Schule, ist ein gewonnener Tag für’s Leben.“

Heute ist sie selbst Mutter einer 10-jährigen Tochter, die ganz selbstverständlich durch die Büroräumlichkeiten der Galerie St. Barbara huscht. Die Zeiten haben sich aber geändert, findet Hannah. Gerade für Frauen ist der Spagat zwischen Beruf und Familie nicht einfach zu bewältigen. Wie viele andere spürt auch sie den permanenten Druck der Gesellschaft. Daher unterstützt sie den Wunsch nach einer gerechten Aufgabenverteilung. Auch die Männer sollen ihr traditionelles Rollenbild überdenken. Die Politik ist hier gefordert, zB mit einer gesetzlich vorgeschriebenen Karenzzeitaufteilung für Männer und Frauen, ähnlich dem schwedischen Modell.

Das Osterfestival Tirol gibt es bereits seit über 32 Jahren. 2009 hast du die künstlerische Leitung übernommen.

Zu Beginn – im Jahr 1989 – hieß das Osterfestival Tirol “Musik der Religionen”. Im Zentrum stand jährlich ein anderer Kulturkreis und die damit verbundenen Religionen. Hannah sieht sich als Vermittlerin. Durch ihre Arbeit möchte sie uns das Fremde vorstellen und zwischen fernen Kulturen vermitteln, um ein Umdenken anzuregen.

Einen intensiven Ausdruck verleiht das einzige Mehrsparten-Festival im Westen Österreichs, das heuer unter dem Motto Friede? steht. Coronabedingt musste es an Ostern abgesagt werden und wird teilweise als Oktoberfestival nachgeholt. Österreichische KünstlerInnen thematisieren den Wunsch nach Frieden. Das Programm ist umfangreich: Alte und Neue Musik, Tanz und Lesungen. Üblicherweise geht das Osterfestival Tirol mit den 40 Orten und anderen besonderen Formaten in Räumlichkeiten, wo Menschen kaum mit Kunst in Kontakt treten können oder am Rande der Gesellschaft leben.

Was bedeutet dir deine Arbeit? Wie steht es um die Kulturszene? Wie ist die Verteilung zwischen Mann und Frau?

Die Kunst- und Kulturszene ist eine sehr kleine und überschaubare. Man trifft immer wieder auf die selben Menschen und es gibt meist einen regen Austausch, was sehr schön ist. In den führenden Positionen ist Kunst und Kultur häufig männlich dominiert. Schön ist zu sehen ist, dass die Wiener Volksoper mit einer Frau neubesetzt wurde. Aber natürlich spielen Frauen eine wichtige Rolle in dieser Szene. Hannah nennt sie liebevoll „die fleißigen Bienen“. Bei diesem Thema merkt man, dass die sonst in sich Ruhende emotionaler wird. Hannah bekommt von ihren männlichen Kollegen sehr wohl den Respekt, den sie zweifelsohne verdient. Ihre Arbeit lässt wenig Angriffspunkte zu, weil sie neben hochkarätigen Persönlichkeiten vor allem lokale und junge KünstlerInnen fördert. Neid und Missgunst führen gerade in der Kunst- und Kulturszene zu einem sinnlosen Kräfteverlust, davon ist die Hallerin überzeugt.

Die Arbeit von Hannah und der Galerie ist über die Grenzen hinaus bekannt, sodass KünstlerInnen von sich aus vorstellig werden. Dennoch reist sie viel und gerne durch Europa, um KomponistInnen, MusikerInnen oder TänzerInnen live zu erleben und sie dann nach Tirol zu holen.

Du bist ein sehr kreativer Mensch. Was inspiriert dich? Woher kommen deine Ideen?

Hannah ist Mitglied in diversen kulturellen Gremien. Ihr Arbeitstag endet nicht etwa um 17 Uhr mit dem Verlassen des Schreibtischs in der Galerie St. Barbara. Ganz im Gegenteil: Ihre Arbeit ist immer allgegenwärtig und sie geht mit Leidenschaft an alle Sachen heran. Aus dieser inneren Motivation entspringen großartige Ideen. Aber eigentlich sind es die KünstlerInnen und die Musik, die sie besonders inspirieren.

Du wohnst und arbeitest in Hall. Was bedeutet diese Stadt für dich?

Die Stadt Hall, mit ihrer hohen Lebensqualität, ist für sie ein wahrer Kraftplatz. Die verwunschenen Innenhöfe wirken auf sie sehr beruhigend oder die kleinen verwinkelten Gassen bringen sie zum Träumen. Diese kleinen und besonderen Orte geben ihr viel Kraft und Energie. Aber auch die umliegende Natur inspiriert die Kunsttreibende. Sie liebt die Bewegung an der frischen Luft. Hannah Crepaz schätzt es sehr, dass man in wenigen Minuten nach Absam oder Gnadenwald gelangt, wo man sich so richtig auspowern kann.

Wie die Mutter so die Tochter. Beide kehren gerne nach ausgedehnten Reisen durch Europa in ihre Heimatstadt zurück. „Das Wichtigste für eine gelungene Mutter-Tochter-Beziehung ist die Verbundenheit mit dem eigenen Kind“, so Hannah. Ganz wichtig sind ihr bewusste Auszeiten, in denen sie – ohne Ablenkung – Zeit für ihre Tochter hat. Selbst wenn es abends später wird, bemüht sich Hannah gemeinsam mit Alice etwas Leckeres zu backen oder zu gestalten.

Stillstand durch Corona. Wie hast du das erlebt?

„Die Kunst- und Kulturszene hat es hart getroffen“, meint Hannah. Der Vorhang blieb nicht nur für KünstlerInnen zu, auch wir KulturliebhaberInnen mussten im April auf das bekannte Osterfestival verzichten. Statt Trübsal zu blasen hat die kreative Hannah die Auszeit sinnvoll genutzt. Das Ergebnis lässt sich sehen: Aus dem Osterfestival wurde das Oktoberfestival.

Leider hat sich in der Anfangszeit der Corona-Krise herauskristallisiert, dass Kultur nicht immer den Stellenwert bekommt, den sie verdient. Hannah Crepaz ist überzeugt, dass uns die Corona-Krise gezeigt hat, wie wichtig Kunst und Kultur für die Gesellschaft sind, aber auch ein ausschlaggebender Motor für den Tourismus darstellen. Was wäre eine Stadt ohne ein lebendiges kulturelles Leben? Hannah ist sehr froh, dass die kulturelle Landschaft weiterexistieren kann, wenngleich die Unsicherheit bestehen bleibt.

Ich bedanke mich für das anregende Gespräch, und wünsche mir, dass wir alle, die wir durch Kultur – egal in welcher Form – bewegt werden, bald zu einer guten neuen Normalität zurückkehren.

Das Oktoberfestival findet vom 20. Oktober bis 30. November 2020 statt. Das Programm von musik+ 2020/21 beginnt am 27. Oktober mit einem Konzert von „Jordi Savall und Freunde“ mit dem Titel „Zuflucht im Erinnern“ im Haller Salzlager. Nähere Informationen unter: https://www.musikplus.at/

Das Stromboli als Wohnzimmerbühne

Kulturinstitution Stromboli

Vor über 30 Jahren wurde von einer kleinen Gruppe kulturinteressierter Menschen das Jugendforum Hall gegründet. Ziel war es, etwas Schwung in das Haller Kulturleben zu bringen. Mit der ersten öffentlichen Aktion im Jahr 1989, dem Stadtfest „Raus aus der Konserve“, schuf man ein kulturelles Angebot abseits des Mainstreams und der Entertainmentkultur. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Heute ist das Kulturlabor Stromboli zu einem wichtigen Kultur- und Kommunikationszentrum herangewachsen. Etwa an die 150 Veranstaltungen pro Jahr aus den Bereichen Musik, Theater, Literatur und Kleinkunst beleben die kulturelle Szene Halls mit unkonventionellen und zeitkritischen Aufführungen. Zudem fungiert das Kulturlabor als Plattform für die heimische Künstlerwelt. Gerade in der jetzigen Zeit der vielen Einschränkungen sieht man, wie wichtig ein intaktes Netzwerk für freiberufliche Kulturschaffende ist.

Stromboli wird aktiv

Durch die Corona-Krise kam es auch im Stromboli zu einem ungewollten Lockdown. Viele KünstlerInnen haben ihre geplanten Liveauftritte abgesagt und kurze Videobotschaften spontan ans Kulturlabor geschickt, um das Stromboli-Publikum auf Herbst zu vertrösten. Nach der ersten Schockphase wurde das Stromboli-Team aktiv und hat den Kulturschaffenden einen neuen, virtuellen Raum geboten. Das Stromboli wurde kurzerhand in eine Wohnzimmer-Bühne umfunktioniert. Von hier aus werden die Kulturbeiträge aufgezeichnet und die Videos auf Facebook und der Stromboli-Website veröffentlicht. Ganz nach dem Motto: Wenn schon das Publikum nicht zu uns kommen darf, dann kommen wir zum Publikum!

Kultur goes online

Seit dem 25. April 2020 gibt es ein sehr abwechslungsreiches Kulturprogramm für Groß und Klein im Netz zu genießen. Von der gemütlichen Couch zu Hause aus, klicken wir uns auf die Bühne des Strombolis. Lesung und Kabarett stehen Mittwochabend auf dem Programm und am Wochenende gibt es feinen Sound von DJs. Natürlich kommen auch die Kids nicht zu kurz. Herzerwärmende Gute-Nacht-Geschichten entführen die kleinen ZuseherInnen ins Land der Träume. Aufgrund der Krise und der zahlreichen Reisebeschränkungen setzt man jetzt bewusst auf die heimischen KünsterInnen. Sollte man einen Termin verpasst haben, kein Problem, die Filme sind jederzeit auf YouTube abrufbar!

Stromboli Couch Surfing” – eine Crowdfunding-Kampagne

Bei dem Crowdfunding-Projekt „Stromboli Couch Surfing“ kann man die von der Corona-Krise betroffenen KünsterInnen finanziell unterstützen. Wie funktioniert das? Auf der Website Startnext wählt man entweder einen individuellen Beitrag aus, den man für die Aktion spenden möchte, oder man kauft gleich ein Package mit einem schmackhaften Freibier und dem kultigen Toast dazu. Bis zum 30. Juni 2020 darf fleißig eingezahlt werden, damit das Haller Kulturleben im virtuellen Raum aufrecht bleibt. Gegen einen Obolus zugunsten der Kulturschaffenden ist doch nichts einzuwenden. Oder? 😉

Der Sommer kann kommen!

Natürlich kann man den innovativen gemeinnützigen Verein auch über andere Wege finanziell unter die Arme greifen. Wie wäre es mit etwas Geld im Postkasten oder noch besser, einer abendlichen Konsumation an der Bar? Dienstag, Donnerstag, Freitag und Samstag von 19:00 bis 23:00 Uhr ist das Stromboli wieder geöffnet. Mund-Nasen-Schutz nicht vergessen! Auch wenn die großen Veranstaltungen leider noch ausbleiben, das Team freut sich über eure Besuche. Ab Mitte Juni wird dann mit den heiß ersehnten Liveauftritten gestartet, zwar mit Besucherbeschränkungen, aber es darf wieder gefeiert werden!

TIPP: Kulturelle Highlights in der Region Hall-Wattens

Bach & Co: Musik im Riesen 2012

Ab 11. Mai ist es wieder soweit: das alljährliche Kammermusikfestival “Musik im Riesen” findet in den Swarovski Kristallwelten in Wattens statt.

Das vom Tiroler Komponisten und Pianisten Thomas Larcher auf höchstem Niveau zusammengestellte Kammermusikprogramm konnte sich in den letzten Jahren als kreativer Freiraum etablieren, in dem der künstlerische Austausch und ein intensives Musikerlebnis im Mittelpunkt stehen.

Alban Gerhardt (Copyright Sim Canetty-Clarke)

Musik für kleine Besetzungen von Johann Sebastian Bach, Kompositionen für Violoncello vom Barock bis zur Jetztzeit und das Miteinander von klassischer, Jazz- und internationaler Volksmusik stehen 2012 im Fokus des Festivals Musik im Riesen.
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Emerson String Quartet (Copyright Lisa-Marie Mazzucco)

Vom 11. bis 16. Mai 2012 laden die Swarovski Kristallwelten zu einer Uraufführung der estnischen Komponistin Helena Tulve, zu Auftritten von Matthew Barley, Alban Gerhardt, Louis Lortie, Paul Meyer, Viktoria Mullova, des Emerson und des Tokyo String Quartet ein. Erstmals wird das Konzertprogramm auch durch Einführungsgespräche mit den Künstlern des Festivals ergänzt.
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Den Solo- und Kammermusikwerken des Künstlers gilt ein besonderer Festivalschwerpunkt. Zu hören sein werden die Sonate g-Moll für Viola da gamba und Cembalo BWV 1029 – in einer Fassung für Violoncello und Akkordeon – sowie Teile aus zwei seiner berühmtesten Werkzyklen: Zur Festivaleröffnung spielt die Geigerin Viktoria Mullova im Swarovski Werk I die Partiten Nr. 2 und 3 aus den Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001–1006, am 14. Mai 2012 tritt der deutsche Cellist Alban Gerhardt mit der sechsten der Suiten für Violoncello solo BWV 1007–1012 in den Swarovski Kristallwelten auf.
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